Hinter jedem Spaziergänger steckt eine Geschichte. Hinter jedem Läufer übrigens auch…

Es ist Samstagmorgen, 10 Uhr, und ich stecke mittendrin….sitze direkt an einem sehr ausladenden Fenster in der – bewusst gewählten – hintersten Ecke eines sehr einladenden Kaffeehauses, am Rande des allmählich zum Leben erwachenden Stadtzentrum, und sehe den Leuten zu…. Wie sie mal in Gedanken verloren langsamen Schrittes durch die noch recht leeren Strassen schlendern, mal entsprechend der für ein Spätsommerwochenende frühen Tageszeit mit gebremsten Eifer mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin diskutieren.

Ich habe es immer schon geliebt und genossen, gerade an einem Sastagmorgen den Menschen zuzuschauen, sie zu beobachten, und ir dabei vorzustellen was sie wohl gerade – im wahrsten Sinne des Wortes – bewegt.

Bei den einen mag es ein fast schon meditatives Schlendern sein, ohne bewusstes Ziel vor Augen…ein Schlendern des Schlenderns wegen…. Bei den anderen hingegen mag es durchaus zielgerichtet sein, basierend auf dem irgendwann an den Vortagen, vielleicht aber auch erst kurz nach dem Aufwachen am noch früheren Morgen, gefassten Entschluss dies oder jenes zu erledigen. Wobei der entspannte, unaufgeregte Schritt darauf schliessen lässt dass sie die ihnen zur Verfügung stehende Zeit nutzen wollen um dieser möglicherweise gar nicht mal unangenehmen Pflicht schon früh am Morgen nachzukommen um im Anschluss daran den restlichen Tag in seiner ganzen Fülle an Möglichkeiten auszukosten und zu geniessen.

Dass ich mich meinerseits diesem Moment der Musse hingebe, liegt daran dass ich die Woche über Urlaub hatte, und mir zum Abschluss noch ein über den Sonntag hinausreichendes verlängertes Wochenende gönne. Auch diesbezüglich befinde ich mich also mittendrin….mittendrin in einem Zeitfenster welches sich durch ein im übertragenen Sinne sehr breites und grosszügiges Blickfeld sowie durch eine nicht zuletzt daraus entstehende Mixtur aus Gelassenheit und Wohlbefinden auszeichnet.

Eben diesen paar Urlaubstagen habe ich es auch zu verdanken, dass ich meine angestammten Laufrunden diese Woche zu ganz ungewohnten Tageszeiten absolviert habe, nämlich vorzugsweise am späten Vormittag.

Und in dieser ungewohnten Lauftageszeit liegt denn auch die Gemeinsamkeit mit den eingangs erwähnten Beobachtungen aus dem Kaffeehaus, und dem daraus resultierenden Sinnieren über die mein Blickfeld durchkreuzenden Menschen.

Es sind nicht dieselben Personen denen man um 11.00 oder um 6.00 Uhr morgens auf seiner Laufrunde begegnet. Während man um 6.00 in der Früh wenn überhaupt dann höchstens mal einem anderen Vorfrühstücksjogger begegnet, sind es am späten Vormittag in der Regel Spaziergänger oder auch mal ein Nordic Walker denen man über den Weg läuft.

Und wie im kaffeehaus ertappe ich mich dabei einen Blick in ihr Gesicht zu erhaschen beziehungsweise ihre Gangart zu beobachten, und versuche ir dann vorzustellen was sie dazu bewegt am späten Vormittag eines gewöhnlichen Wochentages zu einem mehr oder minder ausgedehnten Spaziergang aufzubrechen. Bei den einen mag es die pure Lust an der Bewegung an der frischen Luft sein. Bei den anderen geschieht es möglicherweise auf Anordnung, entweder seitens des eigenen Gewissens, oder aber seitens von Drittpersonen. Manch andere wiederum suchen vielleicht gerade deshalb die Weite der Wiesen und Felder um ihrem Inneren Raum und Luft, beziehungsweise ihren Gedanken Auslauf zu geben. Was in den eigenen vier Wänden, und seien sie auch noch so geräumig, nicht oder nur bedingt möglich ist.

Hinter jedem Spaziergang steht auch ein Gedankengang. Und hinter jedem Spaziergänger eine Geschichte.

Hinter jedem Läufer übrigens auch…..

was Lauf – und Prüfungsstress miteinander verbindet

Hand aufs Herz….haben wir nicht alle zu der Zeit als wir noch zur Schule gingen ab und an die Zeit im Schulbus genutzt um noch schnell unseren Wissensstand betreffend der für die anstehende Prüfung angeordneten Vokabeln, Formeln, Textpassagen und dergleichen mehr zu überprüfen?  Wohlwissend und doch zugleich verdrängend dass uns diese 5-10 Minuten keinen Deut weiterbringen würden, sondern stattdessen eher – sofern überhaupt noch möglich – so richtig nervös machen würden. Denn was blieb uns schon für Möglichkeiten wenn wir in der sich eh schon bedenklich dem Siedepunkt nähernden Aufregung etwa feststellten dass wir diese oder jene Vokabel, Textstelle oder Formel über Nacht offensichtlich vergessen hatten, bzw sie uns einfach und trotz (oder gerade wegen?) aller mentaler Bemühung einfach nicht mehr einfallen wollte….
Jahre und Jahrzehnte später haben wir eingesehen dass es sich hierbei um eine der unsinnigsten Eigenschaften handelte welche wir uns je zu eigen gemacht hatten, wobei wir jedoch möglicherweise Trost in der Tatsache finden dass sich auch die nachfolgende Generation diesem dem lampenfiebernden und auf eine gewisse Form von Prüfungsangst schliessen lassende ungute Gefühl nicht verwehren kann. Der einzige Unterschied besteht lediglich darin dass wir in unseren Heften und Ordnern blätterten während unsere Kinder und Heranwachsenden zum selben Zweck auf dem I-phone rauf- und runterscrollen…(was wiederum ihre Sitznachbarn erfreuen sollte denn diese können sich gar nicht ausmalen wie lästig es damals war wenn jemand seinen Litzordner oder sein DINA.-Merkblatt ausbreitete und damit unweigerlich territoriale Sitzflächenansprüche an den Nachbarn, und in der Regel auch gleich selbst beantwortete…).

Worauf ich aber eigentlich hinausmöchte ist die Tatsache dass wir Läufer genau dasselbe unsinnige und alles in allem nutzlose Verhalten an den Tag legen wenn wir unmittelbar vor einem Laufwettbewerb oder -ereignis stehen welches uns viel bedeutet und auf das wir uns wochen- oder gar monatelang vorbereitet haben.

Ich habe die Erfahrung wieder einmal für mich selber gemacht als ich vor 3 Wochen beim Monschau Marathon http://www.monschau-marathon.de/ an den Start ging, und am Vortag einen (sehr) lockeren 6 km Lauf absolvierte, und ir dabei einredete diese kurze Runde wüde dazu dienen die Muskulatur zu lockern. Und ich will noch nicht einal ausschliessen dass dies tatsächlich geschah. Das eigentliche Verdienst dieser Minirunde bestand jedoch darin die allerletzte Runde zu geniessen und sich auf den am darauffolgenden grossen Tag vorzufreuen und sich die Gewissheit zu holen dass man im Laufe all der Wochen und Monate tatsächlich verinnerlicht hatte dass es beim Laufen darauf ankommt stets einen Fuss vor den anderen zu setzen….

Heute abend werde ich wieder eines dieser (für mich) bedeutsamen Wettkämpfe teilnehmen, nämlich dem Escher Kulturlauf http://kulturlaf.lu/de/1/home/. Das ist gleich um die Ecke, ich könnte fast zu Fuss dorthin, kenne jede Ecke und jeden Winkel der über 10 Meilen führenden Strecke welche in reichlich Folklore eingebettet ist und jede Menge bekannter Gesichter bietet.

Und obwohl ich nun wirklich keine Bedenken haben muss ob ich diese 16 Kilometer schaffe oder nicht (Zeiten interessieren mich dabei übrigens nur am Rande, wenn überhaupt), und trotz 3 Laufeinheiten an den 4 ersten Wochentagen, schob ich dann gestern doch noch eine 4. Laufeinheit am 5. Wochentag ein, um zu überprüfen ob die Müdigkeit welche sich in den letzten Wochen eingestellt hatte inzwischen abgeklungen ist (vor 2 Tagen war sie das noch nicht), und ob das Ziehen im Adduktorenbereich inzwischen verschwunden war. Sowohl die erste als auch die zweite Frage hätte ich problemlos auch ohne zu laufen beantworten können….wenn am Donnerstag die Adduktoren zwicken, dann zwicken sie auch noch am Freitag. So aber habe ich zumindest die ultimative Gewissheit dass de so ist. Vor allem aber habe ich die Gewissheit dass dem auch heute, also während des Rennens so sein wird….Und so werde ich mit dem guten Gefühl an den Start gehen eigentlich gut vorbereitet zu sein, aber ab Kilometer 3 etwa ein leichtes Zwicken im Adduktorenbereich verspüren werde welches mich dann bis ins Ziel begleiten wird, wo ich mir dann sagen werde dass ich möglicherweise eine bessere Zeit gelaufen wäre wenn ich nicht an Schlafmangel gelitten, und… kein Zwicken im Adduktorenbereich verspürt hätte…. 😉

Fast so wie damals also, als ich zwar eigentlich ganz zufreiden war it meiner Schulnote, aber das Gefühl hatte zu einer noch besseren Note fähig gewesen zu sein, wenn der Bus ein bisschen länger gebraucht hätte und ich die letzte Seite noch einmal hätte überlesen können, bevor ich aussteigen musste….

 

 

Laufen als unverblümtes Barometer für körperliches, geistiges, und emotionales (Un)Wohlbefinden

Es bedarf vermutlich einiger Jahre und eines behutsam gewachsenen Bewusst-Seins um die vermeintlich routinemässigen und sich nach Laufalltag anfühlenden Laufeinheiten als Gradmesser seines eigenen mentalen und physischen Wohl- oder Unwohlbefindens zu benutzen.

Hat man jedoch erst ein Mal die Fähigkeit dazu entwickelt, eröffnet sich einem ein schier endloses Fenster auf all die Merkmale und Indizien welche zwar von einem selbst ausgehenden, einem jedoch ansonsten und inmitten des nicht selten und latent opportunistisch als Vorwand benutztem und eingesetztem Alltagsstress, verschlossen bleiben.

Schlafmangel, mentale Müdigkeit, muskuläre Überanspruchung an den Vortagen, emotionale Belastung, ungelöste und/oder aufgeschobene Fragen oder Probleme,….all das drängt beim Laufen an die Oberfläche und baut sich vor einem auf. Dagegen anlaufen ist sinnlos….Schlafmangel beispielsweise wirkt sich nun mal auf den Körper aus, und entzieht ihm die Frische welche die eigentliche Voraussetzung dafür ist dass man das Laufen als ent-spannende Massnahme benutzen kann. Die Gedanken welche darauf drängen angesichts der dem einen-Schritt-vor-den-anderen-Setzen innewohnenden und durchaus angenehmen Monotonie, auf Wanderschaft zu gehen, werden genau daran gehindert dass ihnen die körperliche Schwere einen Riegel vorschiebt.

Ähnlich verhält es sich mit all den anderen Empfindungen welche dem Läufer eindeutig vermitteln wie es um seine körperliche, geistige oder emotionale Frische bestellt ist. Man (und „mann“ dem Vernehmen nach erst recht!) kann seine Gefühle vorübergehend oder gar dauerhaft unterdrücken, doch wenn man beim Laufen, inmitten von Feldern, Wiesen, Feldern, oder entlang sich endlos windender Strassen, mit sich selber unterwegs ist, dann bröckeln mit zunehmender körperlicher Belastung die fälschlicherweise zum Selbstschutz aufgebauten Mauern welche einen von unerwünschten aber nun mal in seinem tiefsten Inneren wuchernden Gefühlsregungen beschützen sollen.

Nicht zuletzt deshalb ist es ratsam beim Laufen auf diese hochintelligenten nur unzulänglich immer noch als Uhren bezeichnete getragene Minicomputer zu verzichten. Letztere dienen nämlich dazu die Aufmerksamkeit auf metrische Daten zu reduzieren welche bei genauer Betrachtung bar jeglicher Bedeutung sind. Wie wichtig ist es denn wirklich ob ich an jenem Mittwochmorgen 7,6 oder 7,8 Kilometer gelaufen bin? Welchen Einfluss hat es ob ich meine angestammt Runde in 48 oder 47 Minuten gelaufen bin? Hingegen räume ich sehr gerne ein dass es durchaus sinnvoll sein kann zu kontrollieren ob ich gerade mit 148 oder 178 Pulsschlägen unterwegs bin, erst recht wenn ich eine kardiologische Vorgeschichte habe. Aber brauche ich dazu wirklich auf Dauer ein Pulsmessgerät? Es ist durchaus möglich seinen Körper so weit kennenzulernen dass man irgendwann die Signale welche der Körper sendet auch ohne Armbandcomputer zutreffend deuten kann. Auch auf die „Gefahr“ hin den Unterschied zwischen 148 und 151 Puls nicht zu bemerken. Den Unterschied zwischen 148 und 178 aber bemerkt man allemal.

Es lohnt sich demnach beim Laufen in Körper und Psyche hineinzuhören. Beziehungsweise lohnt es sich allein deshalb zu laufen um genau den Zugang zu Körper und Psyche herzustellen der einem ansonsten verschlossen bleibt. Erst recht dann wenn einem dies bisher und aus welchem Grund auch immer durchaus gepasst hat.les

 

Rückblende – 20.08.2014 Bewusst sein

Gestern bin ich aus dem Krankenhaus entlassen worden, und heute habe ich mich dazu entschlossen zu leben, statt wie in den letzten Wochen, Monaten, und vermutlich Jahren gelebt zu werden. Und zwar einzig und allein deshalb weil ich es zugelassen habe, und nicht etwa weil ich keine Wahl hatte. Obwohl ich mir genau das in all der Zeit immer wieder eingeredet hatte, und zwar so lange und so eindringlich bis und dass ich es selber geglaubt habe.

Es ist 10 Uhr morgens, und eigentlich müsste ich jetzt an meinem Arbeitsplatz sein. Stattdessen bin ich krankgemeldet, darf jedoch tagsüber vor die Tür. Laufen hat mir der Kardiologe der neuerdings und aus allzu offensichtlichen Gründen mein Arzt des Vertrauens ist, formell verboten. Aber war das wirklich vonnöten?

Ich bin seit 6 Jahren nicht mehr gelaufen, habe nach einem leidigen Muskelfaserriss im Frühjahr 2008, der mich mitten in der Vorbereitung zu meinem ersten 100-km-Lauf in Biel aus der Laufbahn geworfen hatte, keinerlei Läufe mehr bestritten, nicht zum Training, und erst recht nicht zum Wettkampf, geschweige denn zum reinen Lustgewinn.

Zu dieser Zeit dachte ich nämlich noch tatsächlich dass Laufgenuss nur aus mittels Zeiten und/oder Distanzen messbaren Lauferfolgen entstehen könnte. Als ich dann aufgrund dieses ärgerlichen Muskelfasserrisses dermassen in meinem Trainingsplan zurückgeworfen wurde, verlor ich förmlich die Lust – beziehungsweise das was ich zu dem Zeitpunkt als Lust empfand – am Laufen dass mir die Finanzkrise welche im Sommer auch meinen Arbeitgeber, ein traditionsreiches Bankhaus, in seinen wirtschaftlichen Grundfesten erschütterte, gerade recht kam weil ich mich somit  eines äusseren Vorwandes bedienen konnte um die Laufschuhe vorerst nicht nur in die Ecke zu stellen, sondern sie im Laufe der Wochen und Monate noch nicht einmal mehr eines Blickes zu würdigen. Dass sie ich dafür ein paar Jahre später so bitter würden büssen lassen, hätte ich nie im Leben für möglich gehalten.

6 Jahre sind vergangen, 6 intensive Jahre, prall gefüllt mit beruflichem Aufstieg, für den 10-12 Stunden-Tage der Preis waren, aber eben auch einer ohne allzu grosse Schrammen verlaufenen Trennung auf die ich schon allein deshalb nicht stolz bin weil man eine Ehe nun mal nicht eingeht mit dem Ziel sie ordentlich und unfallfrei aufzulösen. Man kauft sich ja auch kein Auto um im Falle eines Aufpralls möglichst weich im Airbag zu landen.

6 Jahre welche auch körperliche und – wie ich also seit ein paar Tagen weiss – auch mentale Spuren hinterlassen haben. Ich habe in dieser – lauffreien – Zeit satte 15 Kilo zugenommen, eines ungesünder als das andere ! Und ich habe Raubbau an der eigenen Psyche und an meinem emotionalen Innenleben betrieben. Von Natur aus sensibel, habe ich – teils bewusst, vorwiegend jedoch unbewusst – einen Schutzwall errichtet mit dem Ziel mich vor meinen eigenen Gefühlen zu beschützen welche mich beispielsweise währen des ganzen Trennungsprozedere hätten ergreifen, und mich von meinem Weg abbringen können.

 

Bemerkenswert

Am Tag nach dem Tag danach….

48 Stunden (Anmerkung des selbstreflektierten Autors: genaugenommen sind es schon 52 Stunden her, aber einen Beitrag damit zu beginnen dass man darauf verweist dass etwas  genau 52 Stunden her ist, würde zwangsläufig darauf schliessen lassen dass man den ursprünglich angedachten Moment der Publikation um genau 4 Stunden verpasst hat….) sind es her, da beugte sich ein – zumindest statistisch betrachtet – in der Mitte des Lebens stehender, allem Anschein nach und ob der während der zurückliegendliegenden 4einhalb Stunden erbrachten Anstrengungen, ziemlich geschlauchter, seltsam und nicht besonders stilvoll, dafür jedoch sehr zweckmässig gekleideter Mann, über die sich direkt hinter der Ziellinie aufgereihten Absperrgitter, den Kopf in die Ellenbogenkehle des rechten Armes gesenkt, und gab sich einem ihn völlig überraschenden und überrumpelnden Weinkrapf hin, letzterem nicht einmal ansatzweise Widerstand leistend, ihn stattdessen geniessend ob der befreienden Wirkung welche es ihm erlaubte den ihn am Ende sichtlich übersteigenden Überdruck all der im Vorfeld und insbesondere an den letzten Tagen aufgestauten Emotionen und von angehäufter Symbolik geschwängerten 42,195 Kilometer mit einem Schlag entweichen zu lassen.