Rückblende – 20.08.2014 Bewusst sein

Gestern bin ich aus dem Krankenhaus entlassen worden, und heute habe ich mich dazu entschlossen zu leben, statt wie in den letzten Wochen, Monaten, und vermutlich Jahren gelebt zu werden. Und zwar einzig und allein deshalb weil ich es zugelassen habe, und nicht etwa weil ich keine Wahl hatte. Obwohl ich mir genau das in all der Zeit immer wieder eingeredet hatte, und zwar so lange und so eindringlich bis und dass ich es selber geglaubt habe.

Es ist 10 Uhr morgens, und eigentlich müsste ich jetzt an meinem Arbeitsplatz sein. Stattdessen bin ich krankgemeldet, darf jedoch tagsüber vor die Tür. Laufen hat mir der Kardiologe der neuerdings und aus allzu offensichtlichen Gründen mein Arzt des Vertrauens ist, formell verboten. Aber war das wirklich vonnöten?

Ich bin seit 6 Jahren nicht mehr gelaufen, habe nach einem leidigen Muskelfaserriss im Frühjahr 2008, der mich mitten in der Vorbereitung zu meinem ersten 100-km-Lauf in Biel aus der Laufbahn geworfen hatte, keinerlei Läufe mehr bestritten, nicht zum Training, und erst recht nicht zum Wettkampf, geschweige denn zum reinen Lustgewinn.

Zu dieser Zeit dachte ich nämlich noch tatsächlich dass Laufgenuss nur aus mittels Zeiten und/oder Distanzen messbaren Lauferfolgen entstehen könnte. Als ich dann aufgrund dieses ärgerlichen Muskelfasserrisses dermassen in meinem Trainingsplan zurückgeworfen wurde, verlor ich förmlich die Lust – beziehungsweise das was ich zu dem Zeitpunkt als Lust empfand – am Laufen dass mir die Finanzkrise welche im Sommer auch meinen Arbeitgeber, ein traditionsreiches Bankhaus, in seinen wirtschaftlichen Grundfesten erschütterte, gerade recht kam weil ich mich somit  eines äusseren Vorwandes bedienen konnte um die Laufschuhe vorerst nicht nur in die Ecke zu stellen, sondern sie im Laufe der Wochen und Monate noch nicht einmal mehr eines Blickes zu würdigen. Dass sie ich dafür ein paar Jahre später so bitter würden büssen lassen, hätte ich nie im Leben für möglich gehalten.

6 Jahre sind vergangen, 6 intensive Jahre, prall gefüllt mit beruflichem Aufstieg, für den 10-12 Stunden-Tage der Preis waren, aber eben auch einer ohne allzu grosse Schrammen verlaufenen Trennung auf die ich schon allein deshalb nicht stolz bin weil man eine Ehe nun mal nicht eingeht mit dem Ziel sie ordentlich und unfallfrei aufzulösen. Man kauft sich ja auch kein Auto um im Falle eines Aufpralls möglichst weich im Airbag zu landen.

6 Jahre welche auch körperliche und – wie ich also seit ein paar Tagen weiss – auch mentale Spuren hinterlassen haben. Ich habe in dieser – lauffreien – Zeit satte 15 Kilo zugenommen, eines ungesünder als das andere ! Und ich habe Raubbau an der eigenen Psyche und an meinem emotionalen Innenleben betrieben. Von Natur aus sensibel, habe ich – teils bewusst, vorwiegend jedoch unbewusst – einen Schutzwall errichtet mit dem Ziel mich vor meinen eigenen Gefühlen zu beschützen welche mich beispielsweise währen des ganzen Trennungsprozedere hätten ergreifen, und mich von meinem Weg abbringen können.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s